Post aus Washington

"Stadt Land Klima"-Gespräch mit Fabian Reinbold

Fährt man von dort mit dem Leihfahrrad hundertzwanzig Straßenblocks und über gefühlt zweihundertvierzig Schlaglöcher in den Süden, landet man in New Yorks Zukunft. Zumindest erzählt einem das Gernot Wagner, der dort wohnt, arbeitet und überzeugt ist, die Lösung für die Probleme der Stadt vor der eigenen Haustür gefunden zu haben.

Wagner empfängt zum Vanilla Coffee Protein Smoothie beim Café ums Eck, dann laufen wir durch sein Viertel. Neunzig Sekunden braucht er bis zu seinem Büro an der NYU, sechzig Sekunden bis zum Boxstudio, in dem er morgens trainiert. Wagner ist Klimaökonom und überzeugt, dass man die Erde nur retten kann, wenn mehr Menschen in den Städten wohnen. (Er hat dazu gerade ein Buch mit dem Titel “Stadt, Land, Klima” veröffentlicht.)

Foto: Fabian Reinbold

Was kann New York aus Corona für die Zukunft lernen? “Das, was wir hier in der Straße machen”, sagt er, wie aus der Pistole geschossen. Wagner spricht in einem Singsang, der sich aus seiner niederösterreichischen Heimat und der langen Zeit an der US-Ostküste speist. Sein Blick verrät, dass er von dem, was er erzählt, überzeugt ist.

Wagner wohnt in der schicken Bleecker Street, mit Frau und Kindern auf 70 Quadratmetern. Lage statt Luft. Mit anderen Anwohnern hat er erreicht, dass abends die Straße für den Autoverkehr gesperrt wird. Wir gehen durch den Block, wo eine Galerie und ein Boxzentrum, eine Abtreibungsklinik und ein katholisches Kulturzentrum Nachbarn sind und irgendwer noch einen Help-yourself-Kühlschrank für Gemüse auf den Bürgersteig gestellt hat. Dazu ein Italiener, eine Bar. “Das ist das ideale Stadtleben”, sagt er, alles an einem Ort. Arbeit, Wohnen, Vergnügen.

Er will, dass ganz New York so wird wie sein Wohnviertel in NoHo. Dass Midtown am Boden liegt, ist ihm eigentlich recht. Diese Arbeitsviertel für Pendler gehörten abgeschafft, sagt er. Viele der leeren Büros im Zentrum müssten zu Wohnungen umgebaut werden. Man müsse einfach dort leben, wo man arbeite, dann seien die meisten Probleme der Stadt gelöst, sagt Wagner.

Foto: Fabian Reinbold

Doch der Weg ist noch weit. Neuerdings fällt ihm auf, dass immer mehr dicke SUVs aus New Jersey die Straßen in seinem Viertel verstopfen. Doch Wagner bleibt österreichisch-amerikanischer Optimist: In 20 Jahren werden die Autos fort sein aus Manhattan, dann erwarte New York eine neue Blütezeit.

Tatsächlich tut sich etwas. Es gibt immer mehr autofreie Straßenblocks, manche permanent, manche nur in den Abendstunden. Ich bin bei dieser Recherche viel mit diesen E-Fahrrädern gefahren, die neuerdings zum Citibike-Netz gehören. New York hat sich lange gegen die neuen Roller oder allzu viele neue Radwege gesperrt, doch seit Corona geht es voran.

Für ein Midtown, wie Wagner es sich vorstellt, und ein autofreies Manhattan fehlt mir die Fantasie. Doch jeder Straßenblock, der nicht den Autos gehört, macht die Metropole des 20. Jahrhunderts gerade moderner und lebenswerter.

Post aus Washington: Das Comeback,” Fabian Reinbold, 21. Mai 2021.

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