Der Standard: "Klimaökonom: 'Ergibt für Österreich null Sinn, Gas zu importieren'"

Interview mit Philip Pramer

Wachstum kann es auch klimafreundlich geben, ist Gernot Wagner überzeugt – etwa durch Investitionen in erneuerbare Energien. Foto: Regine Hendrich.

Beim European Forum Alpbach diskutierte Klimaökonom Gernot Wagner zu Fragen des STANDARD-Forums. Er sagt: Europa muss bei Klima und Wachstum keine Kompromisse eingehen – aber schleunigst weg aus Gas.

Kann Europa wachsen und gleichzeitig das Klima schützen? Für den Klimaökonomen Gernot Wagner ist die Antwort ein klares Ja. Beim Morning Briefing des European Forum Alpbach stellte er sich den Fragen des STANDARD.

Begonnen hatte die Diskussion allerdings schon Wochen davor im STANDARD-Forum, wo rund 200 Userinnen und User über genau diese Frage debattierten. Ihre Postings nahmen wir mit nach Alpbach.

STANDARD: Die STANDARD-Userinnen und User sind sich bei der Frage, ob es grünes Wachstum geben kann, alles andere als einig. Ein häufiges Argument: Auf einem endlichen Planeten ist unendliches Wachstum unmöglich.

Wagner: Natürlich gibt es kein unendliches materielles Wachstum auf einem endlichen Planeten. Das sagt einem der Hausverstand. Aber warum stecken wir überhaupt in diesem Schlamassel? Weil es derzeit billiger und einfacher ist, das Falsche zu tun. Wenn wir das Richtige tun, würden wir mehr ausgeben, mehr investieren. Und wenn wir mehr Geld ausgeben, nennen wir Ökonomen das Wachstum.

STANDARD: Wie sieht das konkret aus?

Wagner: Ich wohne in Lower Manhattan in einer kleinen Wohnung, in einem 200 Jahre alten Haus. Als wir vor sechs Jahren eingezogen sind, lief dort noch alles mit Gas. Die Gasleitung zu kappen und die eine 70-Quadratmeter-Wohnung auf deutschen Passivhausstandard zu bringen, hat rund 100.000 US-Dollar gekostet. Das BIP ist gestiegen. Aber nachhaltige Stadtentwicklung kostet Geld. Oft passiert deshalb das Falsche, Billige. Nehmen Sie den Bahnhof Tullnerfeld. Pendler auf die Schiene zu bringen ist natürlich großartig. Aber wenn zwischen dem Bahnhof und der Stadt Tulln Platz für 50.000 Einfamilienhäuser ist, dann läuft etwas schief.

STANDARD: Einige Staaten haben es bereits geschafft, Wirtschaftsleistung und CO2-Emissionen zu entkoppeln, zum Beispiel Norwegen. Was hat man dort richtig gemacht?

Wagner: Es hilft natürlich, auf dem größten Ölfeld ganz Europas zu sitzen. Aber sie sind nicht dumm – denn sie verbrennen ihr Öl nicht selbst, sondern lassen es die anderen tun. Inzwischen werden in Norwegen fast ausschließlich Elektrofahrzeuge zugelassen. Norwegen hatte nie Kohlekraftwerke und das einzige Gaskraftwerk, das es noch gibt, versorgt die eine große Raffinerie. Das Stromnetz läuft ohne Gas. Man hat schon früh auf erneuerbare Energie und vor allem Wasserkraft gesetzt. Wo gibt es noch viel Wasserkraft?

STANDARD: In Österreich.

Wagner: Bereits 2017 hat die Regierung versprochen, dass Österreich bis 2030 mit ausschließlich erneuerbarem Strom läuft. Das waren nicht die Grünen, sondern ÖVP und FPÖ. Denn für ein Land mit so viel Wasserkraft, Erneuerbaren und Biomasse ergibt es null Sinn, Gas zu importieren. Früher war es russisches, jetzt ist es eben norwegisches Gas. Weil wir so dumm sind und immer noch abhängig davon sind. Obwohl wir das gleiche Potenzial und mehr Anreiz hätten, davon loszukommen. Das muss man gar nicht mit dem Klima begründen, man kann auch mit Energieunabhängigkeit argumentieren.

STANDARD: Energie und Verkehr sind die großen Brocken auf dem Weg zur Klimaneutralität. Dennoch regelt die EU vieles auch sehr kleinteilig. Viele ärgern sich über die Papierstrohhalme oder die Verpackungsverordnung, die für kleine Händler enorm viel Bürokratie bringt.

Wagner: Was ist denn falsch an Papierstrohhalmen?

STANDARD: Sie werden gatschig.

Wagner: Na gut. Natürlich gibt es Regeln, die man effizienter machen kann. Das passiert auch gerade – und da macht auch Europa Doge (das Regierungs-Sparprogramm von Elon Musk, Anm.) besser als die USA. Nehmen Sie den CO2-Grenzausgleich CBAM, einen Zoll auf CO2-intensive Importe wie Stahl. Nach der Vereinfachung sind 90 Prozent weniger Unternehmen betroffen, aber immer noch 99 Prozent der Emissionen erfasst. Das ist die Diskussion, die wir führen sollten: Wie können wir effizienter regulieren?

STANDARD: Ein User schreibt, er lebe bewusst klimafreundlich: kleine Wohnung mit PV, kleines Auto, Öffis, CO2-armer Urlaub. Entscheidend sei aber, wer wie viel verbraucht. Privatflüge und fossile Investitionen müssten deutlich teurer werden.

Wagner: Sollten wir jeden Privatjet, der beim Wirtschaftsforum in Davos landet, zwingen, zu 100 Prozent mit nachhaltigem Treibstoff zu fliegen? Selbstverständlich. Natürlich geht es um Politik im Großen. Aber dieses Entweder-Oder, große oder kleine Brocken, führt in die Irre. Die einen sagen: Was ich selbst tue, zählt nicht, es geht um Zement und Stahl. Und wenn China nichts tut, warum dann wir? Newsflash: China tut was! Aber auch wenn die anderen untätig wären, heißt das nicht, dass ich privat absichtlich das Falsche tun soll. Nur weil es auf der Welt Morde gibt, darf ich nicht selbst herumlaufen und Leute umbringen. Umgekehrt löst individuelles Verhalten das Problem aber auch nicht. Genau das wollte uns der Ölkonzern BP mit dem ökologischen Fußabdruck glauben lassen. Es braucht beides, Bottom-up und Top-down.

STANDARD: 2023 haben Sie Europa geraten, vom Inflation Reduction Act der USA zu lernen. Was hat die Biden-Regierung besser gemacht?

Wagner: Die USA machen sehr oft sehr lange das Falsche. Aber wenn sie es dann angehen, dann richtig. Im Juli 2022 dachten wir noch, Klimapolitik sei tot. Obama hat es versucht, sich dann aber auf die Gesundheitsversorgung konzentriert. Wir dachten, dass auch Biden nicht den großen Sprung schaffen würde. Was wir nicht wussten: Im Hinterzimmer wurde weiterverhandelt, unter anderem von Senator Joe Manchin aus dem Kohlestaat West Virginia. Er wollte Sonderregeln für die 15.000 Kohlekumpel in seinem Bundesstaat. Einen Monat später stand das Paket, rund eine Billion US-Dollar schwer, mit dem Dreifachen an privaten Investitionen. Das ist der amerikanische Green New Deal. Nur hat ihn niemand so genannt, sonst wäre er nie beschlossen worden.

STANDARD: Was kann Europa daraus lernen?

Wagner: Dass es in Ordnung ist, öffentliches Geld dafür auszugeben, das Richtige zu tun. In Europa gibt es dafür rechtliche Hürden, anders als in den USA, wo wir Schulden machen wie betrunkene Matrosen. Aber kein Unternehmen finanziert eine Investition aus den laufenden Ausgaben. Klimainvestitionen machen sich über Jahrzehnte vielfach bezahlt. Sie wegen aktueller Budgetdefizite nicht zu tätigen, ist dumm. Wenn Deutschland 50 Milliarden Euro für Panzer ausgibt, haben wir vielleicht auch fünf Milliarden, um den Stahl von Thyssenkrupp grün zu machen.

STANDARD: In den USA ist unter Trump das Pendel inzwischen wieder zurückgeschwungen.

Wagner: Ja, mit voller Wucht. Aber zu meiner Überraschung sind viele der klügeren Maßnahmen noch in Kraft: Förderungen für Atomkraft, Geothermie, CO2-Entnahme. Weil es inzwischen republikanische Interessengruppen gibt, die das wollen – etwa Ölkonzerne, die in die Geothermie einsteigen. Sonne und Wind nicht mehr zu fördern, ist ein Fehler. Aber dort sind Subventionen am wenigsten nötig, schließlich ist Solar die billigste Stromquelle der Geschichte.

STANDARD: Gleichzeitig zahlt die US-Regierung Energiekonzernen Geld, damit sie Windprojekte absagen.

Wagner: US-Steuerzahler geben je eine Milliarde Dollar aus, damit Total Energies und RWE aus Offshore-Windverträgen aussteigen. Weil der US-Präsident glaubt, dass Windräder Wale verrückt machen. In New York werden die Strompreise deshalb in ein paar Jahren um ein paar Cent pro Kilowattstunde höher sein. Das ist schlechte Klimapolitik, schlechte Energiepolitik und schlechte Wirtschaftspolitik.

STANDARD: Kann Europa den Rückzug der USA nutzen, um wieder Klimavorreiter zu werden?

Wagner: Das könnte eine Chance sein – oder hätte eine sein können. Bei Solarmodulen haben wir den Zug verpasst, bei Batterien im Grunde auch. Bei Elektrolyseuren für Wasserstoff sind wir drauf und dran, es wieder zu tun. Der größte Hersteller der Welt ist Thyssenkrupp Nucera. Doch Thyssenkrupp Steel setzt diese Elektrolyseure nicht ein. Nucera liefert Elektrolyseure nach Schweden an Stegra. Die bauen damit ein Stahlwerk, das Thyssenkrupp Konkurrenz machen wird. In China stehen die Elektrolyseur-Fabriken schon bereit, und der neue Fünfjahresplan sieht massive Subventionen dafür vor. Noch haben wir die Fabriken, die den Großteil der Elektrolyseure weltweit produzieren. Ich weiß nicht, worauf wir warten. Und nein, das heißt nicht Wasserstoffautos. Da haben Batterien gewonnen. Aber etwa bei grünem Stahl geht’s sehr wohl um Wasserstoff und Elektrolyseure.

STANDARD: Bei Solarmodulen liegt Chinas globaler Marktanteil inzwischen bei über 90 Prozent. Sollte Europa eine eigene Produktion aufbauen, um unabhängig zu werden?

Wagner: Das Solarunternehmen Meyer Burger ist schon pleite. Um den Economist zu paraphrasieren: Für Photovoltaik braucht es Sonne, Sand und menschliche Vorstellungskraft – und alle drei sind unbegrenzt. Die Produktion von Polysilizium und Wafern ist ein Massengeschäft mit wenig Wertschöpfung. Da holt man nicht auf. Und was die Energiesicherheit angeht: Als Putin 2022 durchdrehte, konnten wir das Gas nicht sofort abdrehen, sonst hätte die Oma gefroren. Wenn China durchdreht, produzieren die installierten Solarpaneele bei uns trotzdem weiter Strom.

STANDARD: In den USA trägt der KI-Boom inzwischen einen großen Teil der Konjunktur, rund die Hälfte des Wirtschaftswachstums geht darauf zurück. Europa will beim KI-Wettlauf aufholen. Ist das eine Gefahr für den Klimaschutz?

Wagner: So wie es die USA machen, ja. Man hätte viele dieser Rechenzentren, für die eigene Gasturbinen gebaut werden, allein mit netzunabhängigem Solarstrom betreiben können. Schauen Sie mal auf OffgridAI.us. Aber das passiert nicht, weil wir wieder einmal die falschen Dinge subventionieren. Wir müssen nicht nachmachen, was in den USA passiert. Einerseits sagt niemand, dass auf die amerikanischen KI-Modelle zu setzen, die richtige Strategie wäre. Open-Source-Modelle, wie das chinesische Deepseek brauchen ein Zehntel der Energie. Und dann: Konzentrieren wir uns auf unsere eigenen Stärken! Eine davon ist, dass Europa eine halbwegs rationale Klimapolitik hat. Auch in den USA wird das Pendel im Klimaschutz wieder zurückschlagen. Konsistente, vorhersehbare Politik und die entsprechende Planungssicherheit für Investitionen sind dabei wirkliche Vorteile. Und ja, durch solche Investitionen steigt auch das BIP. (Philip Pramer, 23.9.2026)

Gernot Wagner (46) ist Klimaökonom an der Columbia Business School. Zuvor forschte und lehrte der gebürtige Amstettner unter anderem an Harvard und der New York University.

Das Morning Briefing fand am 1. September vor Publikum beim European Forum Alpbach statt. Für den Text wurde das Gespräch übersetzt, gekürzt und redaktionell bearbeitet.

von: "Klimaökonom: 'Ergibt für Österreich null Sinn, Gas zu importieren'" Interview mit Philip Pramer, Der Standard (23. September 2026); Europäisches Forum Alpbach 2026.

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